HELGA HÜNER

    Im Schatten der Fahne

    übertragen von
    Josella Simone Playton und Herwig Huener


    Die ÜberTragung des Textes geschah von einer Kopie des originalen TypoScriptes. Von dort kommt auch die SeitenEinteilung.

    
       

    Inhalt

    Beginn des 3. Reiches im Kinderzimmer 1 Mein Vater 3 Warum sind Juden anders? 6 Die neue Wohnung 8

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  2. Beginn des 3. Reiches im Kinderzimmer

    Derjenige, der mich in den Arm nahm und sagte: "Was macht denn meine kleine Püppi?", war mein Vater. Außer ihm standen noch ein Geselle und ein Lehrling in unserer Werkstatt. Sie alle hantierten mit den verschiedensten Musikinstrumenten herum, die ich mit kindlicher Neugier betrachtete und ausprobierte. Nur mit den Klavieren konnte ich etwas anfangen. Meine Nasenspitze reichte gerade bis zur Tastatur. Es war leicht, die ersten Kinderlieder zusammenzusuchen. Von da ab wußte man, daß ich nicht aus der Art geschlagen war. Die ganze Familie hatte selbstverständlich musikalisch zu sein.

    Am Vater gefiel mir, daß er gut Klavier spielen konnte und das ganz ohne Noten. Bruder Erich, der 5 Jahre älter war als ich, bekam frühzeitig Klavierunterricht. Mutter hielt es mehr mit dem Gesang. Ich lauschte entzückt, was die Schwalbe sang, bevor sie wieder davonflog. Das war Mutters Lied. Wenn diese Schwalbe wiederkehrte, war alles leer. Was immer gemeint war, kriegte ich nie heraus. Alles klang recht traurig. Als wir Kinder größer wurden verging meiner Mutter das Singen.

    Bis auf das jeweilige Dienstmädchen hatte auch das übrige Personal musikalisch zu sein. Zeitweilig hatten wir eine Verkäuferin. Gesellen mußten lernen, wie ein Klavier zu stimmen ist. Rudolf, der Lehrling hatte damit Schwierigkeiten. Dafür hatte er in meinen Augen andere Qualitäten.

    Er beschäftigte sich am meisten mit mir. Immer wieder sprach er mir geduldig vor: "Sag man ze wei ze wei und nun immer schneller, dann wird daraus eine Zwei." Ich übte stundenlang und schaffte es irgendwann, die Konsonanten zusammenhängend auszusprechen.

    Meine Mutter stand tagsüber im Laden und verkaufte Musikinstrumente und sehr viele Schallplatten. Sie wurde dabei zu einem Richard Taubert Fan. Anfassen durfte ich keine Platte, denn die zerbrachen leicht.

    Auch sonst war ich im Laden nicht erwünscht, obwohl eine Menge Kleingkeiten in den Schubladen zu entdecken gewesen wären. Eine Mundharmonika stand mir immer zur Verfügung. Verlor ich sie, bekam ich mit Sicherheit die nächste. Das Kind Helga hatte sich nach Möglichkeit allein zu beschäftigen und tat das mit Vergnügen.

    Die Dienstmädchen wechselten wie die Jahreszeiten. Sehr bald wurde ihnen der große und unruhige Hashalt zuviel. Mit wie vielen ich mich herumärgern mußte, ist mir entfallen. Sie alle machten wenig Federlesen mit mir und stopften mich morgens unbarmherzig in das ungeliebte kratzige Bleyle-Kleid. Dafür, daß ich dieses immer tragen mußte, machte ich sie voll verantwortlich. Sehr bald lief ich ihnen tagsüber davon. Gelang es mir nicht, wurde ich zu allen Einkäufen und Märkten mitgeschleppt.

    Mein bevorzugter Aufenthalt war die Straße. Für ein Straßenkind war die Freiheit grenzenlos. So unbeschwert sollte es sie nie wieder im Leben geben. Was machte es schon, wenn ab und zu der Vater ungehalten wurde, wenn ich zu den Mahlzeiten mal wieder nicht aufzufinden war? Ich lernte in den Gassen, auf den Hinterhöfen und auf den verkehrsarmen Straßen damals Verteidigung gegen jedermann, denn ich spielte vorwiegend mit Jungen.

    Das kam mir zugute, wenn ich mit meinem Bruder stritt. Der Bengel wollte mich meist handgreiflich erziehen. Natürlich war er kräftiger als ich. Ich kratzte und biß. Endlich heulten wir dann beide.

    Meine Großmutter, die ab und zu ins Haus kam, um uns Kinder zu hüten, soll angeblich immer mir die Schuld in die Schuhe geschoben haben. Offensichtlich war ich kein leicht zu erziehendes Kind. Wer aber erzog mich eigentlich?

    Von der Mutter bekam ich abends den Gute-Nacht-Kuß und einen Löffel Lebertran. Dem Lebertran folgte ein Löffel voll Zucker. Das alles förderte den Schlaf nicht. Ich rief in der Dunkelheit oft lange nach der Mutter, die mich gar nicht hören konnte, weil sie sich ein Stockwerk tiefer aufhielt. Nur der Bruder schimpfte aus dem entfernten Bett. Kein Wunder, daß ich ihn nicht allzusehr liebte. Aber wenn einer mich erzog, dann er.


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  4. Nach einem vergeblichen Versuch, mich in einem Kindergarten unterzubringen, überließ man es mir ganz, wie ich meine Zeit verbrachte. Ein Tag verging ziemlich schnell. Seltsamerweise zogen sich die Jahre in die Länge wie Gummibänder. Den Abstand von Weihnachten bis zum nächsten Weihnachtsfest empfand ich als Ewigkeit. Ein bißchen erzog uns der Kindergottesdienst in der Stadtkirche. Verstand ich auch manche Geschichte falsch, so steckte ich doch mit Begeisterung dem kleinen Mohr einen Groschen in den dafür


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  6. Mein Vater


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  10. Warum sind Juden anders?


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  13. Die neue Wohnung


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